Hashimoto und trotzdem müde: Warum L-Thyroxin allein nicht reicht

9. März 2026 | 0 Kommentare

Auf einen Blick

37 Billionen Zellen, jede mit eigenen Kraftwerken — und bei Hashimoto werden genau diese Kraftwerke direkt beschädigt, während dein Endokrinologe auf den TSH-Wert schaut und sagt: alles super. Die Lösung liegt nicht in einer höheren Dosis. Sondern an einer Stelle, an die noch keiner gedacht hat.

Sandra sitzt in meiner Praxis und sieht aus, als hätte sie seit drei Jahren nicht richtig geschlafen. Anfang 40, Hashimoto seit fünf Jahren, L-Thyroxin 75 Mikrogramm, drei Ärzte gewechselt. Beim letzten Endokrinologen: TSH im Zielbereich, alles super, vielleicht mal Urlaub machen.

Sandra macht keinen Urlaub. Sandra schafft kaum den Nachmittag.

Und das ist kein Einzelfall. Das ist der Regelfall. Ich sehe jede Woche Frauen wie Sandra. TSH passt, Tablette wird genommen, Arzt ist zufrieden. Nur die Patientin nicht. Die schleppt sich durch den Tag, kommt nachmittags nicht mehr vom Sofa hoch und hat akzeptiert, dass das wohl einfach Hashimoto ist.

Naja.

Die Sache ist unbequemer. Und spannender. Denn das Problem ist nicht die Schilddrüse. Die Schilddrüse ist nur der arme Hansel, der Pech hat, dass er gemessen worden ist.

Was wirklich passiert, wenn die Schilddrüse „gut eingestellt“ ist

Pass mal auf. Dein Körper hat rund 37 Billionen Zellen. In jeder einzelnen sitzen Mitochondrien. Die Kraftwerke. Die bauen aus Sauerstoff und Nährstoffen den Treibstoff, den du zum Leben brauchst: ATP. Adenosintriphosphat, wenn du es genau wissen willst. Einfacher: Energie. Alles, was du tust, vom Denken bis zum Treppensteigen, läuft über ATP.

Jetzt stell dir einen Motor vor. Der Motor hat einen Gashebel, und der Gashebel ist dein Schilddrüsenhormon. T4, das ist das L-Thyroxin aus der Tablette. Dein Körper muss das in T3 umbauen, die aktive Form. T3 sagt den Mitochondrien: Lauf schneller, produzier mehr.

Soweit die Theorie.

In der Praxis braucht diese Umwandlung von T4 zu T3 eine ganze Reihe an Cofaktoren (funktionelle Medizin nennt das den Gesamtkontext): Selen, Zink, Eisen, Kupfer, Magnesium, Vitamin D. Fehlt auch nur einer davon, stockt die Umwandlung. Dein Gashebel drückt, aber der Motor reagiert nicht. Hast du zu viel T4 und zu wenig T3, baut dein Körper sogar einen Schutzmechanismus ein: Er produziert reverses T3, eine Art Bremse. Du bist gleichzeitig aufgedreht und am Ende. Man nennt das wired but tired.

Und jetzt kommt der doppelte Boden, der die ganze Sache erst richtig unangenehm macht.

Hashimoto ist nicht nur ein Hormon-Problem

Hashimoto heißt: Dein Immunsystem greift deine Schilddrüse an. Autoimmun. Chronische Entzündung. Und chronische Entzündung macht genau zwei Dinge mit deinen Mitochondrien: Sie beschädigt sie direkt, und sie verhindert, dass die verbleibenden vernünftig arbeiten können.

Eine aktuelle Studie aus 2025 (Zhang et al., Free Radical Biology and Medicine) hat gezeigt, dass erhöhtes TSH die Kraftwerke in deinen Zellen direkt beschädigen kann. Die laufen heiß, produzieren aber weniger. Wie ein Motor, der im roten Drehzahlbereich hängt und trotzdem keine Leistung bringt.

Das heißt: Du nimmst L-Thyroxin, dein TSH sieht gut aus auf dem Papier, aber die Kraftwerke in deinen Zellen sind im Eimer. Du gibst Gas bei kaputter Benzinpumpe.

Und kein Endokrinologe der Welt misst deine Mitochondrien-Funktion. Nicht weil er inkompetent wäre, sondern weil das System dafür keinen Auftrag hat. Kassenmedizin misst TSH, vielleicht fT3 und fT4. Punkt. Ob deine Zellen die Hormone überhaupt verwerten können? Steht nicht auf dem Laborzettel. War nie vorgesehen.

Was dein Arzt nicht misst (und warum das wichtig ist)

Bevor ich bei Sandra auch nur über Therapie rede, will ich wissen, was tatsächlich los ist. Nicht raten, sondern messen.

PerOx, das ist ein Marker für oxidativen Stress. Wie viel Schaden passiert gerade in deinen Zellen? CRP, das zeigt die stille Entzündung. Ferritin, weil ohne Eisen kein Sauerstofftransport und ohne Sauerstoff keine Mitochondrien-Funktion. Und wenn ich den Verdacht habe, dass das Immunsystem aus dem Ruder läuft, messe ich die Balance zwischen Angriff und Bremse. Dein Immunsystem hat Zellen, die angreifen, und Zellen, die abpfeifen. Bei Hashimoto ist der Angriff oft zu laut und die Bremse zu leise.

Klingt nach viel? Ist es auch. Aber das ist Biochemie, nicht Esoterik. Das sind Laborwerte mit Referenzbereichen und Interventionsmöglichkeiten. Und erst wenn ich die kenne, kann ich sagen: Hier können wir ansetzen. Oder: Hier müssen wir erst die Basis schaffen.

Der Baustein, an den noch keiner gedacht hat

Nährstoffe auffüllen, Entzündung senken, Schilddrüse stabilisieren. Das ist die Basis. Aber was, wenn die Kraftwerke selbst so kaputt sind, dass sie trotzdem nicht in Gang kommen?

Es gibt eine Methode, die genau da ansetzt. Sie heißt IHHT, Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Training, und auf Deutsch sagt man einfach: Zelltraining. Du liegst auf einer Liege, trägst eine Atemmaske, und atmest abwechselnd sauerstoffarme und sauerstoffreiche Luft.

Ich weiß, das klingt so, als würde jemand behaupten, man könne durch Atmen seine Kraftwerke reparieren. Plemplem. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum du noch nie davon gehört hast. Aber der Mechanismus ist gut erforscht, seit den 1930er Jahren sogar, und auf PubMed finden sich über 6.800 Einträge zur trainierenden Hypoxie.

Was passiert: Dein Körper merkt, dass weniger Sauerstoff da ist, und schlägt Alarm. Der Alarm heißt HIF-1α, das ist so etwas wie der Werkstattleiter in deinen Zellen. Der sagt: Wir brauchen bessere Kraftwerke. Und dann passieren drei Dinge gleichzeitig. Erstens: Dein Körper baut neue Mitochondrien, also neue Kraftwerke. Zweitens: Dein Antioxidantien-System fährt hoch, weniger Zellschäden. Drittens: Mehr Sauerstoffträger im Blut, bessere Versorgung.

Der Wechsel zwischen Sauerstoffmangel und Sauerstoffüberschuss ist dabei der Punkt. Dein Körper lernt, effizienter mit Sauerstoff umzugehen. Alte, beschädigte Kraftwerke werden abgebaut. Neue, leistungsfähige kommen nach. Kontrollierter Stress, der stärker macht. Wie Muskeltraining, nur für deine Zellen.

Und was ist mit dem Immunsystem?

Es gibt keine randomisierten kontrollierten Studien, die sagen: IHHT bei Hashimoto senkt die Antikörper um X Prozent. Die gibt es nicht.

Was es gibt: Dein Immunsystem hat zwei Mannschaften. Die eine greift an, die andere pfeift ab. Bei Hashimoto ist die Angriffs-Mannschaft zu laut und der Schiedsrichter zu leise. Grundlagenstudien aus Cell und dem Journal of Experimental Medicine (Dang et al., 2011, Shi et al., 2011) haben gezeigt, dass genau der Schalter, den IHHT aktiviert, diese Balance beeinflusst. Und eine Arbeit von 2025 (Cazares-Olivera et al., FEBS Journal) hat nachgewiesen, dass der Sauerstoffmangel-Reiz die Schiedsrichter-Zellen stärker verändert als die Angreifer. Die Bremse reagiert empfindlicher als das Gaspedal.

Wichtig dabei: Chronische Hypoxie, also dauerhafter Sauerstoffmangel, wäre schlecht. Das würde Entzündung fördern. Intermittierende Hypoxie, also das kontrollierte Training, löst eine Anpassungsreaktion aus. Das ist ein Unterschied wie zwischen einem Marathonlauf und einem Dauerlauf ohne Ende.

Ich sage dir das so offen, weil ich nichts davon habe, dir etwas zu verkaufen, das nicht funktioniert. Die mechanistische Grundlage steht. Die klinische Beobachtung aus 16 Jahren Praxis bestätigt das Bild. Aber die große Hashimoto-IHHT-Studie mit 500 Teilnehmern? Die fehlt noch.

Was ich habe: Meine Frau hat Hashimoto. Sie macht IHHT. Und bei ihr merken wir deutliche Fortschritte. Sie kann die Medikation, von der sie sowieso noch nichts gemerkt hat, langsam reduzieren, weil mehr Lebensqualität zurückkommt. Und auch die bei ihr sehr massiven PMS-Symptome haben sich deutlich gebessert. Das ist eine Beobachtung, keine Studie. Aber es ist meine Beobachtung, an der Person, die mir am wichtigsten ist.

Ob das bei dir funktionieren könnte

Nicht jeder darf auf die Liege. Das meine ich ernst. Wir machen vorher den Check, nicht nachher.

Grünes Licht gibt es, wenn die Basis steht: PerOx unter 350 (oxidativer Stress im Griff), CRP unter 2,0 (keine aktive Entzündung), Ferritin über 20 (Eisen vorhanden), TSH stabil eingestellt.

Rotes Licht heißt: Erstmal die Grundlagen klären. TSH unter 0,1? Dann ist die Schilddrüse nicht stabil, und IHHT wäre zu viel Reiz. Ferritin unter 20? Dann fehlt Eisen, und ohne Eisen kann dein Körper mit dem Sauerstofftraining nichts anfangen. PerOx über 350? Dann ist der oxidative Stress so hoch, dass wir den erst runterfahren müssen, bevor wir die Zellen trainieren.

Ich habe einer Patientin das Zelltraining verschoben, weil ihre Basiswerte nicht gestimmt haben. Aktuell mit den Werten noch nicht sinnvoll, eher vorbereitend, habe ich ihr gesagt. Wenn IHHT nichts für dich ist, sage ich dir das. Dafür zahlt mir niemand einen Bonus.

Wie sich das anfühlt (keine Wundergeschichten)

Keine Wundergeschichten. Hashimoto verschwindet nicht durch IHHT. Hashimoto verschwindet überhaupt nicht, es ist eine Autoimmunerkrankung. Was sich ändern kann: wie du dich damit fühlst.

10 bis 15 Sitzungen als Erstblock, verteilt auf drei bis fünf Wochen. Dreimal pro Woche, jeweils 40 Minuten, du liegst da und atmest. Das war’s.

Was ich bei meinen Patienten sehe: Der Sprung von „ich schaff den Tag nicht“ zu „ich schaff den Tag“ passiert oft irgendwo zwischen Sitzung 8 und 12. Nicht bei allen. Nicht immer gleich schnell. Aber bei den meisten, deren Basiswerte vorher gestimmt haben, passiert etwas. Mehr Energie am Nachmittag. Besserer Schlaf. Weniger Brainfog. Und ich habe eine 68-jährige Patientin, die sagt, sie hat sich noch nie in ihrem Leben so fit gefühlt. Nicht mal mit 18. Ob ich das als Studie verkaufen kann? Nein. Ob mich das als Therapeut überzeugt? Ja.

Wenn du dich in Sandra wiedererkennst

Dann lass uns reden. Termin vereinbaren, Laborwerte checken, und dann schauen wir, ob IHHT für dich ein sinnvoller Baustein ist. Nicht der einzige Baustein, aber vielleicht der, der gefehlt hat.

Und wenn es nicht IHHT ist, sage ich dir das. Das kriegen wir hin.


Bis bald,

Christopher

P.S. Meine Frau liest diesen Text und sagt: „Schreib dazu, dass ich seit dem IHHT zum ersten Mal seit Jahren wieder durchschlafe.“ Also. Das.

Bereit für den nächsten Schritt?

Laborwerte checken, Basis klären, und dann schauen wir gemeinsam, ob Zelltraining für dich Sinn macht.

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Häufig gestellte Fragen

Kann IHHT Hashimoto heilen?

Nein. Hashimoto ist eine Autoimmunerkrankung, die bleibt. Was IHHT unterstützen kann, ist die Symptomverbesserung: mehr Energie, weniger Brainfog, besserer Schlaf. Das Immunsystem kann sich regulieren, die Kraftwerke können sich erholen. Aber „Heilung“ wäre ein Versprechen, das ich nicht machen kann und nicht machen werde.

Muss ich mein L-Thyroxin absetzen?

Auf keinen Fall. IHHT ergänzt die medikamentöse Einstellung, es ersetzt sie nicht. Deine Schilddrüsenmedikation bleibt, wie sie ist. Wenn sich über die Zeit etwas ändert, besprichst du das mit deinem Endokrinologen. Nicht mit dem Internet.

Wie viele Sitzungen brauche ich?

10 bis 15 als Erstblock, dreimal pro Woche. Danach entscheiden wir gemeinsam, ob und wie es weitergeht. Manche Patienten machen alle paar Monate einen Auffrischungsblock, andere kommen langfristig regelmäßig. Das hängt davon ab, wie du reagierst.

Was, wenn meine Laborwerte nicht gut genug sind?

Dann machen wir kein IHHT. Erst die Basis. Ferritin auffüllen, oxidativen Stress senken, Entzündung in den Griff bekommen. Das ist kein Upselling, das ist die Voraussetzung dafür, dass das Training überhaupt wirkt. Zelltraining auf einem Fundament, das nicht steht, bringt nichts.

Christopher bellafiore

Christopher Bellafiore

Heilpraktiker | Chiropraktiker | Laborexperte

16 Jahre Praxiserfahrung, über 6.500 Patienten. Spezialist für Blutwerte, Mikronährstoffe und funktionelle Labordiagnostik. Wenn deine Werte „normal“ sind aber du dich nicht so fühlst — genau dafür bin ich da. Ersttermin vereinbaren →

Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an einen Arzt oder Therapeuten Ihres Vertrauens.

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